Das Schicksal einiger Familien von Textilmagnaten
Familie Löw-Beer
Vom 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts war die Familie Löw-Beer einer der bedeutendsten und reichsten südmährischen Unternehmer. In den folgenden Zeilen können Sie sich mit der Geschichte mehrerer Generationen der Löw-Beers vertraut machen.
Schon der Name Löw-Beer, der sich auf den Löwen und den Bären bezieht, scheint sie zu Stärke, Macht und Stolz prädestiniert zu haben. In Wirklichkeit ist jedoch der Nachname Löw-Beer das Ergebnis der behördlich angeordneten Umbenennung aller Juden ab 1788 in eine neue deutsche Variante des Nachnamens. Der Name Löw-Beer ist vermutlich durch die Germanisierung der hebräischen Namen des jüdischen Ehepaares aus Boskovice, Löbl/Löb und Beerová entstanden, die Herkunft des Nachnamens ist jedoch nicht sicher belegt. Doch was man als Rosen bezeichnet, würde genauso riechen, auch wenn man es anders nennt, und deshalb waren die Löw-Beers, unabhängig von der Herkunft und Bedeutung ihres Nachnamens, im 19. und 20. Jahrhundert eine wichtige und mächtige Familie in Brünn.
Von Europa bis nach Südafrika
Verschiedene Mitglieder der Dynastie waren über mehrere Generationen hinweg hauptsächlich in der Textilindustrie und Zuckerindustrie, aber auch in anderen Bereichen tätig. Ende des 19. Jahrhunderts waren ihre Wollfabriken äußerst erfolgreich, und in den 1930er Jahren hatten die Löw-Beers Niederlassungen in Deutschland, besaßen weitere kleine Unternehmen in Europa und exportierten ihre Waren nach Südafrika und Amerika. Eine der größten Fabriken der Großfamilie Löw-Beer war „Aron und Jakob Löw-Beer’s Söhne“, die um 1820 von den Brüdern Aron und Jakob gegründet wurde. Im Jahr 1877 zog die Fabrik von Brněnec nach Brünn in die Ungartova-Straße (heutige Václavská-Straße) um. In der Leitung der Fabrik ab wechselten sich mehrere Löw-Beer, zum Beispiel Jonas Löw-Beer (1845–1924), der auch Mitglied der Stadtverwaltung in Brünn war und sich zusammen mit seiner Frau Lina der Wohltätigkeitsarbeit widmete. Während des Ersten Weltkriegs gründete er eine Suppenküche für Kriegsflüchtlinge, die später als Armenkantine fungierte (bereits unter der Verwaltung der jüdischen Gemeinde Brünn). Nach ihm wurde die Straße Löw-Beer-Gasse (heute Celní) im Brünner Stadtteil Stýřice benannt.
Luxuriöse Villen und eine Arbeiterkolonie
Moses Löw-Beer war der Name einer weiteren bedeutenden Fabrik der Familie Löw-Beer, die ihren ursprünglichen Sitz in Svitávka hatte. Im Jahr 1862 wurde eine neue Fabrik in Brünn in der Křenová-Straße (heute Čechyňská) gebaut. An der Spitze des Unternehmens stand damals Max Löw-Beer (1829–1887), der von Svitávka nach Brünn übersiedelte. So auch sein Sohn Alfred Löw-Beer (1872–1939), der aus einer luxuriösen Villa in Svitávka direkt in eine andere luxuriöse Jugendstilvilla in der Sadová-Straße (heute Drobného) in Černá Pole umzog. Dieses Viertel war bei den Löw-Beers beliebt, sie besaßen hier mehrere Villen, z.B. die Villa Arnold, in der Alfreds Schwester Cecílie lebte, und auch die Villa Tugendhat, in der Alfreds Tochter Greta mit ihrer Familie wohnten. Ein weiterer Lieblingsstandort der Löw-Beers war Pisárky, wo insgesamt sieben Einfamilienhäuser verschiedenen Mitgliedern der Dynastie gehörten.
Neben Villen und Einfamilienhäusern besaßen die Löw-Beers auch Mietshäuser und ließen Wohnungen für Arbeiter errichten – eine Häuserkolonie für ältere Arbeiter in der Veslařská-Straße in Brünn oder eine Häuserkolonie für Arbeiter in Půlpecen und in Brněnec, wo die Löw-Beer-Fabriken auch ihre Niederlassungen hatten.
Das Geschäft der Löw-Beers und ihr Leben in der Tschechoslowakei wurden durch den Zweiten Weltkrieg beendet. Wie anderen jüdischen Familien drohte auch ihnen die Deportation in Konzentrationslager, weshalb die meisten Löw-Beers Ende der 1930er Jahre auswanderten. Die Fabriken und Häuser wurden während des Krieges von den Deutschen besetzt, später wurde das Eigentum der Löw-Beers vom tschechoslowakischen Staat beschlagnahmt.
Familie Tugendhat
Die Villa Tugendhat, ein Werk von Mies van der Rohe, gehört zu den berühmtesten funktionalistischen Gebäuden der Welt. Aber was ist die Geschichte der Familie, welche die Villa bei dem berühmten Architekten bestellte und bis zum Zweiten Weltkrieg darin wohnte? In den folgenden Zeilen lernen Sie mehrere Generationen der Tugendhats kennen und begleiten sie vom 19. Jahrhundert bis heute.
An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gehörten die Tugendhats zu den erfolgreichen Textilunternehmern in Brünn. Der erste Tugendhat in Brünn war Hermann (1834–1902), der 1854 aus dem polnischen Bielsko hierherkam. Er gründete hier mit dem Unternehmer Moritz Meiler eine Textilfirma, heiratete die gebürtige Brünnerin Maria (geb. Löw, 1844–1912) und hatte mit ihr elf Kinder. Und seine zahlreichen Nachkommen sorgten bereits wenige Jahrzehnte später dafür, dass das Familienunternehmen florierte und der Name Tugendhat fast auf der ganzen Welt bekannt war.
Familienunternehmen
Zwar hätte sich wahrscheinlich Hermann aus dem 19. Jahrhundert gewünscht, dass der Name Tugendhat wegen seinem Erfolg in der Textilindustrie bekannt geworden wäre, doch Weltruhm brachte dem Namen schließlich der Bau der funktionalistischen Villa. Alfred Löw-Beer kaufte das Grundstück (und finanzierte den gesamten Bau der Villa) für seine Tochter Greta und deren Ehemann Fritz Tugendhat, der Enkel von Hermann und Marie und Sohn von Emil Tugendhat. Emil (1867–1928) war ein erfolgreicher Unternehmer in der Textilindustrie und erfreute sich auch gesellschaftlich großer Beliebtheit. Er erweiterte das Geschäft seines Vaters, als er Direktor der Firma Max Kohn wurde, die eine Fabrik für feine Stoffe und Kammgarnwaren in der Offermann-Straße (heute Vlhká) besaß. Die Fabrik wurde 1855 vom Wollindustriellen Max Kohn (1834–1900) gegründet und ab 1896 von Emil Tugendhat verwaltet. Nach und nach band er auch seine Söhne Hans und Fritz in das Unternehmen ein.
Emil Tugendhat führte ein sehr geselliges Leben, spielte ausgezeichnetes Schach und Tennis und galt angeblich als Mittelpunkt jedes Treffens der Brünner High Society. Auch sein jüngerer Bruder Benno Tugendhat (1877–1942) war unternehmerisch sehr erfolgreich und betrieb zusammen mit seinem Partner Siegmund Feldhendler unter dem Namen S. Feldhendler et Comp. in der Straße Velká Nová (heute Lidická) eine Firma zur Lumpensortierung, Herstellung von Kunstwolle und Spinnerei. Auch andere Tugendhat-Geschwister beteiligten sich an der Entwicklung des Familienunternehmens – die Söhne arbeiteten in Familienunternehmen und einige Töchter heirateten Textilindustrielle. Die Tugendhats standen einander sehr nahe, halfen sich gegenseitig im Geschäft und die Familie wurde nach und nach reich. Als wohlhabende Geschäftsleute engagierten sie sich auch in sozialen Belangen in Brünn und trugen beispielsweise zur Gründung des sog. Vereinsviertels in Černá Pole bei. Dabei handelte es sich um fünfzig Häuser für Fabrikarbeiter. Auch Greta Tugendhatová (1903–1970), die Vorsitzende der Liga für Menschenrechte in Brünn war, engagierte sich für wohltätige Zwecke.
Auswanderung und Nachkriegsleben
Das erfolgreiche Geschäft von drei Generationen der Tugendhats beendete der Zweite Weltkrieg. Vor der Ankunft der Nazis wanderten einige der Tugendhats ins Ausland aus, Fritz und seine Familie gingen in die Schweiz und dann nach Venezuela. Benno wurde im Krieg erschossen und einige der Tugendhats kamen in Konzentrationslagern ums Leben, darunter Fritz‘ Mutter Marie und der Cousin Erwin und seine Familie. Nach dem Krieg wurde ihr gesamter Besitz beschlagnahmt, die Villa Tugendhat fiel der Stadt zu und die Max-Kohn-Fabrik wurde zusammen mit anderen Firmen aus der Umgebung Teil des Staatsbetriebs „Mosilana“. Unter und nach der sozialistischen Wirtschaftsordnung erreichten die Unternehmen jedoch nicht mehr ihren früheren Wohlstand und Ruhm.
Das Bindeglied zwischen den noch lebenden Tugendhat-Nachkommen und Brünn bleibt die Villa Tugendhat. Noch in den 1960er Jahren besuchte Greta Tugendhat Brünn und die Villa. Nach ihrem Tod wurde die Tochter von Greta und Fritz Tugendhat, die Kunsthistorikerin Daniela Hammer-Tugendhat, zur Sprecherin der Familie Tugenhat in Sachen Villa. Diese arbeitet an der Universität Wien und war Vorsitzender der internationalen THICOM-Kommission, die 2010–2012 die historische Restaurierung der Villa Tugendhat überwachte.
Familie Stiassni
Die Stiassnis stellten eine weitere jüdische Familie dar, die im 19. und 20. Jahrhundert in Brünn erfolgreich in der Textilindustrie tätig war. Sie stammten ursprünglich aus Bučovice und zogen wie zahlreiche andere jüdische Industrielle in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Brünn. Das Diskriminierungsgesetz verbot nämlich Juden bis zum Jahr 1848, Unternehmen in Brünn zu gründen, so dass viele von ihnen ihre Geschäfte in umliegenden Städten betrieben und erst in den 1850er Jahren nach Brünn zogen.
Rudolf Stiassni gründete in Bučovice eine Textilmanufaktur, die später von seinen beiden Söhnen Nathan (1841–1904) und Josef (1843–1916) nach Brünn verlegt wurde. Die Umstände seines Weggangs aus Bučovice waren recht dramatisch, Rudolf soll seine christliche Dienstbotin nach einem vorhergehenden Streit geschlagen und vertrieben haben, was zu heftigen antijüdischen Unruhen in Bučovice führte. Rudolf beschloss daher, die Tätigkeit der Manufaktur in Bučovice einzustellen, den Betrieb seinen Söhnen zu überlassen und zog selbst nach Wien.
Erweiterung der Produktion
Die Stiassni-Brüder waren ab 1868 in Brünn tätig. Ihre Firma „Gebrüder Stiassni“ hatte zunächst in den Räumlichkeiten am Fluss Ponávka in der Ledergasse (heute Teil der Koliště-Straße) ihren Sitz, später zogen sie in das Bochner-Palais in der Nadační-Straße (heute Přízova-Straße). Die Fabrik mit dem Neorenaissance-Palais erwarben die Stiassnis nach dem Tod von Edmund Bochner (1832–1903), einem deutschen Adligen, der im Woll- und Zuckergeschäft tätig war. Zu Beginn war die Produktion von der Stiassnis auf die Herstellung billiger Herrenstoffe ausgerichtet, im Laufe der Zeit wurde sie auf die Herstellung von Stoffen verschiedener Art, Tüchern, Plaids und Flanellen ausgeweitet. Sie verkauften die Stoffe auf den Märkten der Monarchie und exportierten sie bis in den Orient.
Josefs Söhne Rudolf, Alfred und Ernst stiegen in das Familienunternehmen ein. Alfred Stiassni (1883–1961) leitete die Fabrik zusammen mit seinem Bruder Ernst bis 1938, als er vor dem Holocaust ins Ausland fliehen musste. In Brünn hinterließ er neben einer florierenden Fabrik auch eine modernistische Villa, die er in den 1930er Jahren in Brünn-Pisárky nach dem Entwurf des Architekten Ernst Wiesner erbauen ließ.
Die Basis von Vlněna
Während der Besatzungszeit wurde die Fabrik „Gebrüder Stiassni“ beschlagnahmt und verkauft, unmittelbar nach dem Krieg wurde sie beschlagnahmt und in die Moravskoslezské vlnařské závody n. p. (Mährisch-Schlesische Wollbetriebe) eingegliedert, später wurde sie zur Basis einer der Vlněna-Betriebe. Die Villa Stiassni in Pisárky diente nach dem Krieg als repräsentative Unterkunft für bedeutende Gäste Brünns, damals wurde sie „Regierungsvilla“ genannt. Heute steht die Villa auf der Liste der unbeweglichen Kulturdenkmäler und ist mit ihrem weitläufigen Garten auch der Öffentlichkeit zugänglich.
Alfred emigrierte 1938 mit seiner Frau Hermina und seiner Tochter Susanne (1923–2005). Ihre Reise führte nach London und durch Brasilien nach Hollywood, wo sie sich niederließen. Doch auch im Ausland gab die Familie Stiassni ihre Unterstützung des tschechoslowakischen Staates nicht auf. In der zeitgenössischen Presse können wir beispielsweise folgende Erwähnung finden: „Die Firma Gebr. Stiassni, eine Wollwarenfabrik in Brünn, hinterlegte eine Million CZK beim Regionalpräsidenten von Mährisch-Schlesien zur Verteidigung des Staates.“ Susanne heiratete 1946 in den USA den Sohn des russisch-jüdischen Emigranten Leonard (geb. Leonid Victor Matveev), später nahm das Paar den Nachnamen Martin an. Die Nachkommen der Stiassnis leben noch heute in Hollywood, einige von ihnen lassen sogar die mit Brünn verbundene Familiengeschichte wieder aufleben – Susannes Enkelinnen Yenny Martin und Daria Martin besuchten 2017 die Stiassni-Villa in Brünn, und Daria Martin, die Dokumentarfilmerin ist, drehte in der Villa einen Kurzfilm, der auf den Traumtagebüchern ihrer Großmutter basiert.
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