Textiltradition
Das heutige Brünn erstreckt sich über eine Fläche, die um ein Vielfaches größer ist als die Fläche des mittelalterlichen Brünn. Es ist ein kosmopolitisches Zentrum voller Kultur, Wissenschaft und moderner Technologien. Sein kulturelles Erbe zieht in- und ausländische Touristen an, die den historischen Kern sowie die Schätze moderner Architektur in den Vororten von Brünn entdecken, die im 20. Jahrhundert hauptsächlich von Textilmagnaten erschaffen wurden. Dabei hätte alles anders sein können und Brünn hätte ein ruhiges Mittelklasseleben führen können.
Noch Mitte des 18. Jahrhunderts war Brünn eher ein lokales Wirtschaftszentrum, umgeben von den (in den 1850er und 1860er Jahren abgerissenen) Mauern einer mittelalterlichen Stadt mit einer traditionellen Produktionsstruktur handwerklichen Charakters, die den Zunftregeln unterworfen war. Die Wende in Richtung Stadt wurde durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren herbeigeführt: der ungünstigen wirtschaftlichen Lage der Monarchie nach den verlorenen Kriegen, den merkantilistischen Ansichten führender Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens und dem sturen Charakter Maria Theresias.
Verlorene Kriege als Impuls
Nach den verlorenen Kriegen mit Preußen verlor die österreichische Monarchie ihre wirtschaftlich fortschrittlichsten Zentren in Schlesien und suchte einen Ausgleich für die verlorenen Gebiete mit der Entschlossenheit, Ersatzzentren zu errichten. Auch Brünn gehörte zu den geeigneten Standorten, insbesondere dank seiner verkehrsgünstigen Lage als traditioneller Marktort in der Nähe von Wien an den sog. Kaiserstraßen. Für die Entwicklung der Großwirtschaft war es von entscheidender Bedeutung, dass durch die Stadt und ihre Vororte Wasserläufe wie die Svitava, Svratka, Ponávka und Mühlenläufe flossen, die Energie für Antriebsanlagen lieferten. Wir sprechen von einer Zeit, in der die Textilindustrie eine wirtschaftlich vorteilhafte Investition war und ihre Entwicklung daher vom Staat und anderen Institutionen gezielt gefördert wurde. Mitte des 18. Jahrhunderts ließen sich die k. u. k. Werksinspektion, auch Manufakturbehörde genannt, und die Aktiengesellschaft Půjčovní banka in Brünn nieder. Diese Institutionen unterstützten Wollunternehmer und ausländische Experten, die Know-how aus den Österreichischen Niederlanden mitbrachten. Dank dieser konnte im Januar 1764 die erste Feintuchmanufaktur ihren Betrieb aufnehmen. Der Ruhm der Brünner Wollindustrie beruhte auf der Erfahrung des Betriebs einer Manufaktur, die von einer Unternehmergruppe unter der Leitung von Johann Leopold Köffiller gepachtet wurde. Es sei daran erinnert, dass die Erteilung des Toleranzpatents und die Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahr 1781 zur Entwicklung des Wollanbaus beitrugen, der die Landbevölkerung befreite.
Eine Wollgroßmacht mit sozialen Problemen
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Brünn zu einer echten Wollgroßmacht, was auch mit einer raschen Bauentwicklung verbunden war. Gewerbebetriebe und Wohngebäude prägten elementar die Gestalt der Brünner Vororte. Die Fabrikschornsteine der Textilfabriken und der Lärm der Webereien wurden zu einem prägenden Merkmal der Stadt, die man begann, „Mährisches oder österreichisches Manchester“ zu nennen. Mit dem Bauboom gingen soziale Probleme einher, die auf schlechte Wohnverhältnisse sowie mangelnde Hygiene- und Sicherheitsbedingungen in den Fabriken zurückzuführen waren. Kinderarbeit, Tuberkulose, unmenschlich lange Schichten und ungleiche Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern waren an der Tagesordnung. Im Hinblick auf den Export und das Wachstum der Industrieproduktion florierte Brünn jedoch bis in die 1870er Jahre. Die optimistische Entwicklung der Brünner Wollindustrie wurde durch den Ersten und Zweiten Weltkrieg unterbrochen und endete endgültig mit der Verstaatlichung und Grenzberichtigung in den 1950er und 1960er Jahren.
Wie setzt die Textiltradition fort?
Sozialistische Unternehmen wie Mosilana, Vlněna, Bytex, Moravan, Kras u. a. erkannten nach den stürmischen und verwirrenden 1950er-Jahren, auf welche Tradition sie aufbauen müssen, und übernahmen ehrenvoll die Rolle der Nachfolger der ursprünglichen Unternehmen. Die Welt war von der Kunsttechnik „Art Protis“ fasziniert, die am Institut für Wollforschung erfunden und vom Atelier Art Protis in Vlněna 2 gefördert wurde. Die hungrigen Läden des sozialistischen Blocks wurden mit Woll- und Halbwollstoffen beliefert, z.B. Tesil.
Die Zeit der Veränderungen nach der Samtenen Revolution verdrängte die Textilindustrie in den traditionellen Orten, löschte aber die Textilproduktion im Raum Brünn nicht vollständig aus. Die Tradition der Wollherstellung wird von Nová Mosilana, a.s., Textilní zukušení ústav, s.p. und VUP Medical, a.s fortgeführt. Die Nostalgie, die Besucher der verlassenen Gebäude erfasst, ist berechtigt und wirft die Frage auf, ob in diesen Gebäuden ein Gedenkort geschaffen werden sollte, an dem die Brünner an die Textiltradition erinnert werden und an dem sie die Welt der Textilfabriken zumindest teilweise verstehen können, die Welt der harten Arbeit, auf der die heutige Form der modernen Stadt basiert.
(entnommen aus der Zeitung Brno INdustrial: Leben und Zeit des mährischen Manchesters, Verlag TIC BRNO, p.o., Lieferant Pocket media s.r.o, Volltext in der Registerkarte „Downloads“)