Das Phänomen „Zbrojovka“

Das Phänomen „Zbrojovka“  

Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts war das Gelände hinter dem Zábrdovicer-Kloster in der Nähe des damals mäandrierenden Flusses Svitava völlig unbebaut. Eines der Nebengebäude des Klosters am Ufer des Flusses wurde nach dessen Auflösung im Rahmen der Josephinischen Reformen Ende des 18. Jahrhunderts als Verwaltungsgebäude umgebaut und bald Zábrdovicer Schlösschen genannt. In den 1840er Jahren wurde das Gebiet auf der Ostseite durch den Bahndamm nach Česká Třebová begrenzt (wurde 1849 eröffnet)

K. u. K. Werkstätte

Ende des 19. Jahrhunderts baute der Brünner Unternehmer Moritz Beran am Ufer des Flusses Svitava eine moderne Textilfabrik, die 1911 abbrannte, aber kurz darauf wieder aufgebaut wurde. Bald nach Beginn des 1. Weltkriegs begann der Bau der K. u. K. Artillerie Werkstätte als Niederlassung des Wiener Staatsarsenals. Im Jahr 1916 standen die meisten Gebäude der neuen Fabrik bereits und die Ausstattung der ehemaligen Werkstätten des 4. Feldartillerie-Regiments wurde von der damaligen Nová-Straße nach Zábrdovice verlegt. Außerdem wurde ein Anschlussgleis gebaut, das von der nahegelegenen Třebov-Bahnlinie abzweigte. In den Werkstätten wurden Ersatzteile für Kanonen, Visiere für Mörser hergestellt und von der Front abgezogene Waffen repariert. Der neue Betrieb widmete sich auch in beträchtlichem Umfang der Holzverarbeitung, dort wurden Karren für den Transport von Artilleriemunition, Munitionsplanwagen und Hunderttausende Kisten für Gewehrmunition hergestellt 

Gewehrmanufaktur in der Šumavská-Straße  

Ende 1918 beschäftigten die Reparaturwerkstätten bereits 560 Arbeiter, im November wurden sie vom neuen tschechoslowakischen Staat übernommen und die Werkstätten waren weiter unter dem Namen Délostrelecké dílny M. N. O. in Zábrdovice tätig. Am 20. Januar 1919 gründete der Staat in Zábrdovice ein neues Unternehmen, das Tschechoslowakische staatliche Waffenwerk (Československá státní zbrojovka). Ihre Aufgabe bestand darin, alle Reparaturen militärischer Ausrüstung zu Preisen durchzuführen, die den Produktionskosten entsprachen. Die Fabrik montierte Mannlicher-Repetierer aus gelieferten Teilen und baute Handgranaten zusammen. Sie löste intensiv das Problem der Toleranz von Abmessungen, die in direktem Zusammenhang mit der Austauschbarkeit von Maschinenteilen stehen, die eine Voraussetzung für eine effiziente Massenproduktion ist. Zu Beginn verarbeitete der Betrieb auch Holzbestände und es wurden hier weiterhin Pferdekutschen montiert. In den Nachkriegsjahren entwickelte sich das Waffenwerk Zbrojovka für kurze Zeit auch zu einer wichtigen Reparaturwerkstatt für Eisenbahnwaggons – und zwar in den bestehenden und neu gebauten Hallen (in Richtung der Třebova-Bahnlinie). Das Werk in Zábrdovice war für eine Serienproduktion von Waffen unzureichend, weshalb im Jahr 1920 das Gebäude der ehemaligen Textilfabrik in der heutigen Šumavská-Straße Nr. 15 für den Bedarf des Tschechoslowakischen staatlichen Waffenwerks zur Verfügung gestellt wurde (damals hieß es Werk in der Nová-Straße, entsprechend dem damaligem Katastralgebiet). Hier gab es eine Gewehrmanufaktur. Von der deutschen Firma wurde die offizielle Dokumentation und die Produktionslizenz für den Mauser-Repetierer vz. 1898 erworben und anschließend wurde deren Serienproduktion in Brünn aufgenommen. Daraus entstand das bekannte tschechoslowak. Armeegewehr vz. 24, das in zahlreichen Mutationen hergestellt wurde. Der Schießstand befand sich in Zábrdovice, wo auch die Kolben hergestellt wurden.  

Moderne Waffenfabrik  

In den Jahren 1923–24 wurde das Waffenwerk in eine Aktiengesellschaft mit einem Dreiviertelanteil des Staates (Československá Zbrojovka a. s., Brno) umgewandelt und das Unternehmen entwickelte sich schnell zu einem renommierten Hersteller von Kleinwaffen. Es verließ das Gelände in der Šumavská-Straße und bereits im Jahr 1926 wurde mit dem Bau einer Maschinengewehrfabrik (mit der legendären Fassade mit dem Z-Symbol am Giebel) begonnen, in den folgenden Jahren folgten immer mehr Gebäude in der Gegend in Richtung der Třebova-Bahnlinie, z.B. eine Autofabrik, ein Schießstand oder ein neues Kesselhaus mit Schornstein (1927), das bis heute steht. Bald darauf (in den Jahren 1935–36) wurde Zbrojovka an das Wärmenetz angeschlossen. Im Jahr 1928 wurde an der Ecke der Lazaretní-Straße ein neues Verwaltungsgebäude (Direktion) mit dem legendären Türmchen mit dem Fabrikwappen errichtet. In Zbrojovka wurden hauptsächlich Handfeuerwaffen, insbesondere Gewehre und leichte Maschinengewehre produziert, die im Ausland für ihre erstklassigen Parameter bekannt waren. In den Jahren 1923–25 vereinbarte die Fabrik mit der Prager Zbrojovka Praga die Übernahme der Produktion leichter Maschinengewehre, darunter auch des bald berühmten Waffenkonstrukteurs Václav Holek. Das Maschinengewehr wurde weiter modifiziert, und in der gesamten Zwischenkriegszeit bezog die tschechoslowak. Armee insgesamt 45 000 Stück des legendären Maschinengewehrs ZB vz. 26, weitere 100 000 wurden exportiert. Sogar Großbritannien erhielt eine Lizenz zur Herstellung eines leichten Maschinengewehrs und schließlich wurden in den Commonwealth-Ländern über eine halbe Million Maschinengewehre in der britischen BREN-Mutation (BRno–ENfield) hergestellt.  

Autos und Schreibmaschinen  

Neben der Kriegsproduktion entwickelte sich in Zbrojovka von Anfang an auch eine Friedensproduktion. Von zentraler Bedeutung war die Produktion von Personenkraftwagen der Marke „Z“. Am Anfang stand das beliebte Auto DISK (1923), gefolgt von Zetky Z18, Z9, Z4, Z5 Express und Z6 Hurvínek. Insgesamt wurden in Zábrdovice über siebentausend Autos mit Zweitaktmotor hergestellt. 1936 wurde angesichts der zunehmenden Aufrüstung die Produktion von Automobilen eingestellt. Darüber hinaus wurden in Zbrojovka während der Ersten Republik in großen Mengen Kugellager und Fahrräder hergestellt. Personenwaagen aus Zbrojovka werden auch heute noch verwendet. Für Metzger und Wursthersteller wurden elektrische Schneidemaschinen entwickelt. Das Unternehmen erwarb eine Lizenz für Schreibmaschinen der Marke Remington und begann mit deren Massenproduktion. Um die Friedensproduktion zu gewährleisten, kaufte die Fabrik 1930 die benachbarte Beran-Fabrik und vergrößerte sie erheblich. In Zábrdovice wurden auch Werkzeugmaschinen hergestellt, insbesondere für die Herstellung von Schusswaffen – 1941 wurde deren Produktion in eine neue Fabrik in Kuřim verlegt 

Nach der großen Wirtschaftskrise erwartete die Welt einen weiteren großen Kriegskonflikt. In den 1930er Jahren wurde Zbrojovka aus Brünn zeitweise zum größten Waffenexporteur der Welt. Darüber hinaus beginnt die junge Republik vor der Gefahr eines Angriffs des faschistischen Deutschlands mit dem Aufbau eines Systems dauerhafter Grenzbefestigungen – alle leichten Waffen für leichte und schwere Befestigungen, einschließlich Geschützlafetten, werden von der Brünner Zbrojovka geliefert. Die Friedensproduktion wird weiter eingeschränkt und die Serienproduktion eines schweren Maschinengewehrs wird vorbereitet, das später vollständig in das neue Werk in Vsetín verlagert wird. Die Zahl der Zbrojovka-Werke in der gesamten Tschechoslowakei nahm ständig weiter zu 

2. Weltkrieg und Erneuerung der Wirtschaft 

Nach der deutschen Besetzung wurde Zbrojovka als Waffenwerke Brünn Teil des Konzerns Reichswerke Hermann Göring AG. Die deutsche Besetzung und der Beginn des Krieges bedeuteten einen sofortigen Stopp jeglicher Friedensproduktion und eine maximale Konzentration auf die Rüstungsproduktion. Die letzten großen Gebäude des Basisgeländes (Werkzeugraum und Werkstatt) wurden fertiggestellt. Darüber hinaus wurde es nach und nach auf benachbarte, überwiegend arisierte Betriebe ausgeweitet – die Mälzerei Briess in Husovice, die Textilfabrik Zerkowitz zwischen den Straßen Zábrdovická und Lazaretní und die Textilfabrik Himmelreich & Zwicker in der Cejl-Straße (an der Kreuzung mit der Vranovská-Straße), die zu einer Entwicklungsstätte für neue Waffentypen adaptiert wurde. In der zweiten Kriegshälfte wurde Zbrojovka Teil der Holdinggesellschaft Waffen Union Škoda Brünn 

Im Gegensatz zu anderen Brünner Fabriken blieb Zbrojovka von Kriegsschäden nahezu verschont und war daher bereits in den ersten Tagen nach der Befreiung an der Wiederherstellung der Wirtschaft beteiligt. Hier wurden im Rahmen des UNRRA-Hilfsprogramms gelieferte Automobile (Dodge, Ford Canada, Jeep Willys) und insbesondere FARMALL-Traktoren montiert. Die Friedensproduktion von Waagen, Schneidemaschinen, Schreibmaschinen und neu auch von Küchenrobotern, Handbohrmaschinen, Kinderautos, Rollern und Spielzeugen startet wieder. Für kurze Zeit wurden hier Motoren für OGAR-Motorräder und Aero 150-Lastwagen hergestellt. Die Waffenproduktion wurde bis auf Jagd- und Sportwaffen eingestellt. Ende der 1940er Jahre verselbstständigten sich einzelne Vorkriegs- und Kriegswerke nach und nach 

Im Zeichen des Traktors  

Unmittelbar nach der Befreiung tauchte die Idee auf, in Zábrdovice eigene Traktoren zu produzieren. Bereits im November 1945 wurde der Prototyp des Z25-Traktors präsentiert, unmittelbar danach begann die Serienproduktion, und auch der kleine Z15-Traktor wurde vorgestellt. Das Unternehmen registriert die Marke ZETOR (ZET + trakTOR). Bis Ende 1947 wurden 3 406 Traktoren produziert = 60 % aller Traktoren in der Tschechoslowakei. Und im Februar 1949 feierten sie den zehntausendsten hergestellten Traktor. Zu Beginn der 1950er Jahre kehrte die Produktion von Handfeuerwaffen für die Armee für einige Jahre nach Brünn zurück, doch bald darauf wurde für die Brünner Zbrojovka ausschließlich ein Friedensproduktionsprogramm festgelegt – Traktoren, Büromaschinen, Werkzeuge, Instrumente sowie Jagd- und Sportwaffen. In Zábrdovice wurden übergangsweise große Dieselmotoren hergestellt – für diese Produktion wurde die bis heute bestehende Halle am Svitava-Ufer (die sog. neue Halle) errichtet. In den 1950er und 1960er Jahren war die Fabrik als Závody Jana Švermy (Jan-Šverma-Betriebe) bekannt. Die Produktion der Zetor 25-Traktoren wurde Anfang der 1950er Jahre in das Werk in Lišeň unterhalb von Stránská skála verlagert, das gleichzeitig unabhängig wurde. Alle Motoren für den Zetor aus Lišeň wurden weiterhin in Zábrdovice produziert, wo inzwischen die Produktion der Traktoren Zetor 35 und 50 Super begann und bis 1968 andauerte, als diese nach der Fertigung von fast 130 000 Traktoren dieser Typen eingestellt wurde. Das Zábrdovicer Werk produzierte auch danach Motoren für Líšeň und Ende der 1980er Jahre wurde sogar eine völlig neue, imposante Maschinenhalle auf dem Gelände des ehemaligen Spielplatzes in Husovice am rechten Ufer des Flusses Svitava errichtet. Eine Gießerei hatte Zbrojovka bereits seit den Vorkriegsjahren in Vaňkovka.  

Eine Wette auf die Zukunft – Kommunikations- und Computertechnologie  

Und was ist mit anderen Produktionsprogrammen? Die Produktion von Schreibmaschinen entwickelte sich intensiv – bereits mit einer eigenen Konstruktion und der Marke Consul, und zwar auch in einer Elektro- und Koffervariante. Die Schreibmaschinen wurden in den Werkstätten in der Šumavská-Straße zusammengebaut, die wieder unter die Fittiche von Zbrojovka zurückkehrten. In Zusammenarbeit mit anderen Betrieben wurden Fernschreiber entwickelt (1960 der Dalibor-Fernschreiber, als fünfter Staat der Welt), Rechenmaschinen und der erste tschechoslowakische Computer, die Vorläufer von NC-Maschinen… Im Jahr 1960 beschäftigte Zbrojovka 12 617 Mitarbeiter mit einem Durchschnittsgehalt von 1 460 CZK/Monat 

Für die Produktion von Werkzeugen und Geräten wurde Anfang der 1970er-Jahre am Baarova-Ufer ein neues mehrstöckiges Werkzeugbaugebäude errichtet. In den 1980er Jahren wurde anstelle der bestehenden Berufsschule in den Zerkowitz-Gebäuden eine neue Berufsschule in der Olomoucká-Straße gebaut. Der letzte größere Neubau war das noch bis heute bestehende Energiezentrum am Baarova-Ufer. 

Auch nach der Übergabe des Computertechnologie-Produktionsprogramms an den ZPA-Konzern Ende der 1960er Jahre entwickelte Zbrojovka eine eigene Computertechnologie, deren Ergebnis das Bürosystem Consul 271x für Vorbereitung, Vorverarbeitung, operative Verarbeitung und Datenübertragung und insbesondere der Mikrocomputer Consul 2717 Zbrojováček waren, der in den Jahren 1988 – 1990 hergestellt wurde und hauptsächlich an Schulen zu etwa 10 000 Stück geliefert wurde. Verkauft wurde er für 12–13 Tausend CZK. In Zbrojovka wurden auch Tastaturen, Diskettenlaufwerke und Nadeldrucker hergestellt. Es erfolgte die Produktion des Lizenzfernschreibers Siemens T100 

Ein schnelles Ende und die Neue Zbrojovka 

Für Zbrojovka hatten die schnellen Veränderungen nach der Wende fatale Folgen. Ihr Produktionsprogramm war aufgrund massiver Importe und des allgemeinen Booms im Bereich der Computer- und Kommunikationstechnologie nicht mehr wettbewerbsfähig. In den Jahren 1990–2006 wurden die Zetina/Pfaff-Nähmaschinen in Zbrojovka, später in einer separaten Firma für Wäschemangeln, montiert. Auch andere Produktionen wurden nach und nach von Zbrojovka unabhängig, z. B. die Herstellung von Jagd- und Sportwaffen und Motoren. Das mehrjährige Umhertappen wurde durch den Bankrott nach dem Konkurs im Jahr 2003 und die endgültige Einstellung der Produktion im Jahr 2006 beendete. Das Gelände der insolventen Fabrik wurde 2007 von der Investmentgruppe J & T erworben, die Gebäude wurden an einzelne Mieter mit unterschiedlicher Ausrichtung vermietet und das Gelände verfiel bis auf einige Ausnahmen unaufhaltsam. Die Motorenproduktion im neuen Motorenwerk in Husovice wurde 2006 eingestellt.  

Im Jahr 2016 wurde das gesamte Gelände der Zbrojovka von der Immobilieninvestmentgesellschaft CPI Property Group gekauft und ein Projekt zu dessen Umbau in einen neuen Stadtbezirk namens Nová Zbrojovka präsentiert. Die Abriss- und Wiederaufbauarbeiten begannen im Oktober 2017. Bis zum Jahr 2022 wurde mehr oder weniger das gesamte Gelände der ehemaligen Fabrik saniert, das Direktionsgebäude an der Ecke der Lazaretní-Straße, das ehemalige Kesselhaus mit Schornstein, die sog. neue Halle am Svitava-Ufer und die nahegelegenen Reste des Schornsteins der ehemaligen Beran-Textilfabrik. Das Gebäude des sog. neuen Werkzeugbaugebäudes wurde in das Bürogebäude ZET Office umgebaut 

Jiří Mrkos 

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Publikation „Phänomen Zbrojovka“ 

Da die Zbrojovka von Brünn eines der bedeutendsten Produktionsunternehmen der Stadt war, hat TIC BRNO eine Publikation darüber mit dem Titel „Phänomen Zbrojovka“ erstellt. 

Sie enthält kurze Fachtexte zur Unternehmensgeschichte, die durch ausgewählte Bilddokumentationen ergänzt sind, größtenteils aus dem einzigartigen, kürzlich vom Fotografen Roman Franco entdeckten Firmenfotoarchiv, das mehrere tausend Negative, Kontakte und Fotografien umfasst. Im Mittelpunkt stehen Bilder aus der Nachkriegszeit, historisch wertvolles Filmmaterial, das beispielsweise Besuche bedeutender Persönlichkeiten, Eröffnungen von Ausstellungen und Messen, Sportveranstaltungen, die Einführung neuer Produkte und anderes dokumentiert. Aus fotografischer Sicht gibt es interessante Bilder, die flüchtige, vergängliche Momente aus dem normalen Alltagsbetrieb der Zbrojovka einfangen. 

Das Buch können Sie in den Infozentren von TIC BRNO oder im E-Shop kaufen.   

Wenn Sie die Erinnerungen der Zeitzeugen lesen oder Ihre eigene Erinnerung an Zbrojovka hinzufügen möchten, werfen Sie einen Blick auf die Webseite https://fenomenzbrojovka.cz/.